Meinung

Was ist FinTech?

Eine Geschichte von geschädigten Banken, Innovationen und der Zukunft des Finanzwesens.

vor 2 Jahren - 9 Minuten Lesezeit Hörzeit

Dieser Artikel ist ursprünglich am 21. August in englischer Sprache auf Dataconomy erschienen und wurde von Julia Neuman geschrieben.

Seit ihrer Entstehung im Jahr 2008 hat Financial Technology oder auch FinTech die Bankenindustrie erschüttert, die Art neu erfunden, wie Geschäfte gemacht werden und den Umgang der Kunden mit Geld verändert. Innovatoren und Unternehmer stürzen sich auf ein vormals als ineffizient und unflexibel bezeichnetes Geschäftsfeld und unzählige Investoren sind ihnen auf den Fersen. Investitionen in FinTech sind von 2008 ($928 Millionen) bis 2013 ($3 Milliarden) rapide gestiegen. Bis heute sind die Zahlen sogar noch weiter gestiegen. Die wachsende Zahl an Entwicklungen in FinTech zeigen ein gesteigertes Momentum für Veränderungen im globalen Maßstab.

Und was ist FinTech nun genau? Das National Digital Research Center in Dublin definiert FinTech als Innovation in Finanz-Services. Oder genauer: FinTech Firmen nutzen oftmals Technologie, um etablierte finanzielle Systeme zu erschüttern. Sehen wir uns die letzten Jahre im FinTech-Sektor an um das Potential zu erkennen, eine bessere Zukunft des Finanzsektors herbeizuführen.

Im Jahr 2008 hatte die Stunde der FinTechs geschlagen. Das globale Finanzdesaster, die Folgen der Bankenrettung und Skandale über die Bonuszahlungen an Banker führten einen Wendepunkt im Finanzsektor herbei. Industrie-Experten und Kunden hinterfragten die Zukunft des traditionellen Bankings. Eine Umfrage von Gallup stellte fest, dass nur noch 26 Prozent der Menschen Vertrauen in ihre Banken haben. Aus diesem Grund verlieren Banken zurzeit ihre besten Mitarbeiter in Scharen an den FinTech-Sektor. Viele ehemaligen Banking-Experten tauschen ihre sechsstelligen Gehälter und feste Arbeitsstrukturen gegen die Freiheit, die Zukunft zu formen. Fakt ist, dass vier der größten Banken der USA und Großbritanniens in den letzten sieben Tagen 350.000 Stellen abgebaut haben.

Johan Lorenzen, der CEO des finnischen FinTech Startups Holvi sieht diesen Rückgang als Weckruf für die FinTechs die Lücke zwischen kaputtem Banking und den globalen finanziellen Bedürfnissen zu schließen. »Banking hat sich so weit davon entfernt, wie wir leben, dass sich nun die Chance ergibt, es wieder daran anzupassen, wie sich die Gesellschaft verändert hat«, gibt er zu verstehen.

FinTech Unternehmen bieten viele Lösungsmöglichkeiten und haben es geschafft, als Vorreiter bei der Weiterentwicklung und Verbesserung von Finanz-Tools aufzutreten, die vorher von den Banken kontrolliert wurden. Überweisungen und Kreditkartenzahlungen – früher schwerfällige Verfahren – haben heute nutzerfreundliche Oberflächen, weil viele Firmen daran arbeiten, attraktive Alternativen zu schaffen. TransferWise, die einen Wert von mehr als einer Milliarde Dollar haben, nahmen sich den kostspieligen Vorgang des Geld-Überweisens vor und verwandelten ihn in eine kostengünstige, weniger stressige Alternative. Und das Beste daran, wenn man die Firmengründer fragt? Das Verfahren umgeht die Banken.

»Banken sind nicht besonders gut darin, Kundenfreundliche Produkte zu schaffen« , sagt Transferwise Mitgründer Tafte Hinrikus. »Wir glauben an eine Zukunft, in der Geld digital ist.«

Auf ähnliche Weise haben Stripe und Square die Händlerzahlung grundlegend verändert. Ersterer ermöglicht Entwicklern Kreditkartenzahlung in Online-Shops einzubauen, letzterer stellt die Hardware bereit, die eine schnelle Zahlungsabwicklung in der realen Welt ermöglicht. Zahlungen sind der meist umkämpfte Bereich der FinTech. Und Stripe befindet sich an der Front und will »das BIP des Internets« steigern.

Aber Zahlungen und Überweisungen sind nur zwei der vielen florierende Bereiche der FinTech. Ein anderer ist das Persönliche-Finanz-Management. In diesem Bereich sind Firmen wie Wealthfront zuhause. Sie haben unter anderem Algorithmus gesteuerte Vermögensverwaltung entwickelt, die Besuche beim Vermögensberater zwar nicht ganz überflüssig macht, aber deutlich reduziert. Davon lassen sich auch traditionelle Finanzservices wie Charles Schwab & Co. beeinflussen. Auch sie bieten neuerdings einen »Roboberater« um zu verhindern, dass die Konkurrenz zu viel Vorsprung gewinnt. Populäre Budget Verwaltungstools wie Mint haben viele einzigartige Ableger wie LearnVest und Personal Capital inspiriert und damit den Besuch beim Vermögensberater deutlich reduziert. Für den normalen Nutzer, der sich täglich mit den Hürden des traditionellen Bankings herumschlagen muss, sind diese Alternativen besonders willkommen.

Neben der Veränderung traditioneller Geschäftsfelder haben FinTechs auch völlig neue Produkttypen und Kategorien geschaffen. Dazu zählt zum Beispiel das Crowdfunding, welches vor allem durch den Erfolg von Kickstarter zu einem bekannten Word geworden ist. Ein anderes ist die Peer to Peer Kreditvergabe. Diese wurde durch Firmen wie San Franciscos Lending Club äußerst populär. Und obwohl P2P Kredite immer noch mit Risiken verbunden sind sorgen vor allem geringere Zinsen und weniger Begrenzungen als bei klassischen Bankkrediten für mehr Freiheit bei der Kreditvergabe und das unabhängig davon ob man Student, Besitzer kleiner Unternehmen oder Künstler ist.

Ein anderer vielversprechender Bereich der FinTech sind »Big Data« und die Auswertung gesammelter Daten. Das führt zu großen Veränderungen bei der Analyse, der Datenspeicherung, dem Datengestützten Marketing, Cloud-Berechnung und SaaS Geschäftsmodellen sofern sie mit Finanzen zusammenhängen. BillGuard hat sich durch die Analyse und Identifizierung von betrügerischen oder fehlerhaften Angaben auf Kontoauszügen einen Weg in die Datensicherheit für das Finanzwesen geschaffen. Kreditech hat das Sammeln von Daten völlig verändert – in Algorithmus basiertes Banking, Big Data Kreditbewertung und einen finalen Stoß weg von der realen Bank. Hunderte andere Firmen haben jetzt ebenfalls etwas mit Daten zu tun und die gesteigerte Zahl an Informationen bietet in Zukunft weitere Möglichkeiten sie zu nutzen.

Eins ist klar an den letzten zwei Jahren im Finanzsektor: FinTech wurde darauf vorbereitet den Finanzmarkt weltweit umzukrempeln. Viele sind sogar der Meinung wir ständen kurz vor dem goldenen Zeitalter der FinTechs. Die Frage, die dabei im Raum steht, ist ob das gesammelte Kapital ausreicht um mit der schnellen Innovation mithalten zu können. Die Investitionstrends aus dem Jahr 2014 deuten eindeutig in eine Richtung: Ja, das Geld fließt den Ideen hinterher. Laut einem Bericht des Sillicon Valley Bank, gab es alleine im Jahr 2014 211 Käufe im FinTech-Markt. Das vierte Quartal 2014 war das geschäftigste in der Geschichte der FinTechs. 1,27 Milliarden Dollar wurden in 82 Deals investiert. Die Riskikokaptalgeber nahm endlich ihre Chance wahr, die FinTechs zu unterstützen – besonders in den Bereichen Anleihen, persönliches Finanzmanagement, Zahlungen und Bitcoin Technologie.

Ein anderer Faktor im rapiden Wachstum der FinTechs ist das stetig wachsende Netzwerk von Unternehmen, Experten und Startup Teammitgliedern sowie Sponsoren. All diese Schlüsselfiguren tragen zu qualitativen Meetups, Konferenzen und industriespezifischen Events auf der ganzen Welt bei. Zwar befinden sich die Zentren in UK und dem Silicon Valley, aber inzwischen wird das Thema FintTech in vielen europäischen Städten zum Thema. Der internationale FinTech-Boom scheint unmittelbar bevorzustehen. Viele sind der Meinung, dass FinTech Startups ihre spezifischen Regionen bedienen müssen um Produkte zu entwickeln und finanzielle Unterstützung zu erhalten.

Dies sind vermutlich unsere letzen Jahre an echten Bankschaltern. FinTechs verwandeln Bankenservices in nette kleine Apps. Allerdings ist damit zu rechnen, dass die Banken sich selber in den nächsten Jahren, den Kundenwünschen entsprechend anpassen. Dabei sollte es für FinTechs auch nicht primär darauf ankommen, Banken zu ersetzen sondern Finanzservices vielmehr als Ganzes zu verbessern. Chris Skinner, Autor bei Digital Bank beschreibt in seinem Artikel deutlich, dass Banken sich von alten Vorstellungen verabschieden müssen und sich Kopfüber in den Digitalmarkt stürzen müssen. Kurz gesagt: Banken müssen aktuelle Technik einsetzen um den Kundenbedürfnissen zu entsprechen.

»Den Unterschied macht die Abkehr vom Denken nach Geräten. Vielmehr denkt die moderne Bank daran, wie sich das Internet überall einsetzen lässt«, gibt Skinner zu verstehen. »Wände, Fenster, Stühle, die Decke, Kopftücher, Handtaschen. Tatsächlich kann man heutzutage mit so ziemlich allem digital interagieren. Das ist der Moment an dem sich das eigene Denken für die unzähligen Möglichkeiten öffnet, die sich bieten«.

Werden die Banken schnell genug sein, diese Lücke zu schließen? An den Mitteln und der Macht mangelt es ihnen nicht. Aber sie müssen sich mit Firmen wie Simple und Number26 messen, die es beide geschafft haben ein elektronischen Bankingsystem quasi aus dem Nichts zu schaffen.

Wenn man sieht, wie Unternehmen jetzt bereits technische Möglichkeiten nutzen, um Probleme zu lösen, kann man davon ausgehen, dass der große Umbruch noch bis zum Ende dieses Jahrzehnts Früchte tragen wird.

»In der Vergangenheit haben wir gesehen, wie FinTech sich von einem schicken Wort zu einer lukrativen Industrie gewandelt hat, die sogar Regierungen aufhorchen lässt«, sagt Todd Latham, der derzeitige Vice President of Marketing bei Currency Cloud in unserem Interview. »Während transparente, flexible, auf Technik ausgerichtete Alternativen den Traditionellen Unternehmen die Marktanteile streitig machen, werden die Banken sich ihre nächsten Schritte sehr gründlich überlegen müssen – besonders wichtig ist dabei der Drahtseilakt zwischen Zusammenarbeit und Konkurrenzdenken.«

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Ergänzend zum original Text: Weitere FinTechs aus Deutschland und dem deutschsprachigen Umland.

moneymeets – Portal für Finanzangelegenheiten
Moneymeets überträgt das Konzept sozialer Medien auf den Finanzmarkt. Nutzer können ihre Finanzen mit anderen vergleichen. Zusätzlich kann man sich an privaten und professionellen Anlegern orientieren.

Wikifolio – follower in der Finanzwelt
Wikifolio möchte das Konzept der Bankberater über den Haufen werfen. So sehen Nutzer, welche Aktien andere Nutzer kaufen und können ihre eigenen Ideen danach ausrichten.

Savedo – Festgeld im EU-Ausland anlegen
Savedo erlaubt seinen Kunden das Anlegen von Geld bei verschiedenen EU-Banken. Dabei übernimmt die Plattform die Positionen des Mittelsmanns und erleichtert dadurch die Arbeit mit Fremdsprachen und Fremdwährung.

bitcoin.de – Ein deutscher Bitcoin Marktplatz
bitcoin. de erlaubt das Kaufen von Bitcoin und das vergleichen aktueller Kurse.

eCollect – Inkasso online
Das junge Unternehmen hat sich auf finanzielle Forderungen im Netz spezialisiert und verspricht den Nutzern »Mit unserer Hilfe vereinfachen und effektivieren Sie Ihr Forderungsmanagement und reduzieren gleichzeitig Ihre Außenstände erheblich«

Cringle – Direkte Zahlung
Cringle wickelt Zahlungen direkt zwischen zwei Konten ab. Dies läuft über Lastschrift und mit Unterstützung der Deutschen Kredit Bank

Paymey – Online und Offline zahlen
Paymey möchte Nutzern durch eine App das Zahlen sowohl Online als auch im stationären Handel ermöglichen. Für das Bezahlen im Laden wird dabei ein Code generiert, der mit dem Scanner an der Kasse gelesen werden kann.

Smoice – Professionelles Arbeiten für Freelancer
Smoice unterstützt Freelancer und kleine Firmen bei der Erfassung des Arbeitsaufwandes und dem Schreiben von Rechnungen. Dabei setzt man bewusst auf geringere Funktionalität zugunsten der Übersichtlichkeit.

Julia Neuman Julia Neuman Julia hat unter anderem bereits als Journalistin, Content-Managerin und in der Recherche bei unterschiedlichsten Unternehmen, vom US-Medienkonzern bis zum Berliner Startup, gearbeitet. Sie besitzt einen Bachelor of Arts in Anthropologie, den sie bei der Universität von Kalifornien, Los Angeles gemacht hat. Sie beschäftigt sich leidenschaftlich gerne mit dem Unternehmergeist in unterschiedlichsten Regionen der Welt.
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